Moderne Verkehrsflugzeuge
werden zunehmend mit
sogenannten Winglets am Ende
der Tragflächen ausgestattet, die
man den Vögeln »abgeguckt« hat.
Der Effekt: stabilerer Flug,
Spritersparnis, größere Reichweite.
  

Bionik und Corporate Design - Strategien zur Entwicklung individueller und nachhaltiger Unternehmensauftritte

Als interdisziplinärer Ansatz bedeutet »Bionik« das Lernen von der Natur als Anregung für eigenständiges (technisches) Gestalten. Die Wortschöpfung selbst entstammt den beiden Forschungsfeldern »Biologie« und »Technik«.
Sie eine eher junge und ungewöhnliche Wissenschaft, oder besser: eine Methodik, und sie etablierte sich mit dem englischen Begriff »bionics« in den 60er Jahren im Zusammenhang mit der Erforschung des Radars der Fledermäuse.
Zwar ist die Grundidee der Bionik, die Natur als Vorbild für technische Lösungen zu beobachten, nicht wirklich neu - u.a. hatte schon Leonardo da Vinci den Vogelflug anlässlich seiner Überlegungen zum Bau von Flugggeräten intensiv studiert - doch erst in den letzten Jahrzehnten werden mithilfe modernster Technologien deutlich komplexere Erkenntnisse gewonnen und vorwiegend im Produktdesign und der Biotechnologie eingesetzt.

Der sogenannte Lotus-Effekt ist das vielleicht bekannteste bionische Prinzip: in Berührung mit gewöhnlichem Wasser perlt jeglicher Schmutz von einem Lotusblatt auf wundersame Weise ab - eine perfekte, selbstreinigende Oberfläche.

Evolution als unerschöpflicher Entwicklungsmotor

Zum besseren Verständnis für die Wurzeln der Bionik lohnt es sich, für einen Augenblick um einige Millionen Jahre zurückzuschauen - auf die Geschichte der Evolution.

Der Prozess der Evolution hat über das Zusammenspiel von zufälliger Mutation des Erbgutes und natürlicher Selektion vorteilhafter Eigenschaften von Pflanzen und Tieren eine überströmende Fülle an biologischen Strukturen hervorgebracht, die sich beinahe perfekt an ihren Lebensraum angepasst haben - bis in unsere Gegenwart.
Die Evolution ist ein ständiger Entwicklungsmotor von jeweils optimalen Daseinsformen und sie wird auch in Zukunft - sofern sich wesentliche Umweltbedingungen ändern - deren weitere Veränderung fördern. Diese Anpassungen können in kleinsten Strukturen beginnen, etwa beim Aufbau von Enzymen, erstrecken sich über Körperteile und reichen bis hin zur Frage der Überlebensfähigkeit eines ganzen Wesens. Letztlich bestätigen auch ausgestorbene Pflanzen und Tiere den Erfolg der sogenannten Evolutionsstrategie.

Im Produktdesign werden neue
effektive Reifenprofile u.a. nach
Erkenntnissen konzipiert, die
man bei der Untersuchung der
Füsse von Fröschen bzw.
spezifischen Blütenstrukturen
gewonnen hat.
 

»Intelligente« Evolutionsstrategie

Die Methodik der Bionik nun macht sich die Evolutionsstrategie in der Produktentwicklung gezielt zunutze, z.B. durch die Simulation einer zufälligen Abfolge von Mutation und Selektion per Computer um in verhältnismässig kurzer Zeit ein bestmögliches Resultat zu erzielen.

Doch zunächst bestimmt der Ingenieur oder Designer das gewünschte Ziel des Produktes, etwa die Konzipierung eines neuen Reifenprofils, welches auf dem Untergrund besser haften soll. Nun erforscht er naheliegende Phänomene in der Natur, z.B. die Füsse eines Frosches, manchmal auch solche, die nicht auf den ersten Blick assoziierbar sind, wie die Struktur von bestimmten Blüten, um von diesen mögliche Anregungen für ein optimales Reifenprofil zu erlangen. Stößt er bei diesen Untersuchungen auf herausragende Eigenschaften, folgt der nächste Schritt, die Übertragung der Erkenntnisse auf das gewünschte Produkt - in diesem Fall der Reifen. An dieser Stelle nun erlaubt die Computersimulation erstaunliche Fortschritte, denn für eine nutzbringende Anwendung im zu gestaltenden Produkt müssen die gewonnenen Informationen in der Regel individuell angepasst und optimiert werden. Mit der Simulation lassen sich beispielsweise - sofern die Grundstruktur des Profils steht - per Zufallsgenerator unterschiedlichste Ausformungen des neuen Profils erzeugen, die ggfs. in einem »echten« Test überprüft werden müssen. Feine Unterschiede, allein in der unterschiedlichen Kombination von ein und denselben Profilteilen, können die Eigenschaften des Reifens spürbar beeinflussen.

Die Bionik nutzt also als intelligente Synthese zwischen Biologie und Technik die Errungenschaften der Natur, die sich über Jahrmillionen bis ins feinste ausdifferenziert und bewährt haben. Und oftmals lassen sich in unserer Umwelt Organismen finden, die nicht nur funktional zweckmässig, sondern ebenso ästhetisch ansprechend sind - als natürliche harmonische Ordnung. Beispielsweise kommen in der biologischen Umwelt visuelle Phänomene, wie etwa der goldene Schnitt vor, die wir in unsere Kultur als optimale Proportion bei der Gestaltung unterschiedlichster Dinge übernommen haben.

Im Produktdesign werden nach dem Prinzip der Bionik mittlerweile zahlreiche teils ganz neuartige Gegenstände und Oberflächen entwickelt, teils werden deren Funktionen optimiert. Diese Produkte gewinnen damit an echtem Nutzen und nicht zuletzt an Individualität.

Architektonische Bauwerke, wie
etwa der Crystal Palace in London,
sind in Statik und ästhetischer
Ausgestaltung der Blattstruktur
der Riesenseerose nachempfunden.
 

Die Übertragung der Bionik auf die Entwicklung eines Corporate Designs

Diese »bionischen« Produkte haben gemeinsam, daß sie sich vom Aufbau her, in einzelnen Eigenschaften oder auch gänzlich in der Konstruktion von üblichen Produkten unterscheiden. Sie können im Vergleich mal leichter und gleichzeitig stabiler, mal flexibler und gleichzeitig belastbarer sein, um nur einige Beispiele zu nennen. Ähnlich wie im Produktdesign nun kann auch beim visuellen Auftritt eines Unternehmens der innere Aufbau des Corporate Designs (als Ansammlung einzelner Merkmale) die Gesamtfunktion (als individuelle Qualität der äusseren Erscheinung) wesentlich beeinflussen.

Das Corporate Design eines Unternehmens formt bewusst wie unterbewusst im Zusammenspiel der visuellen Merkmale der einzelnen »Komponenten« (wie z.B. Produkt/Dienstleistung, Mitarbeiter, Architektur) ein Gesamtbild. Dies ist die Hülle des Unternehmens - stets kommuniziert sie zur Umwelt, mal aktiv, mal passiv. In jedem Fall hinterlässt sie einen letztlich »gefühlten« Eindruck beim Interessenten bzw. Kunden. Das Corporate Design entscheidet damit neben anderen Merkmalen der Corporate Identity, wie Sprache und Verhalten, nicht unwesentlich über den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens.

Der Gestalter eines Corporate Designs, welches an die Strategie der Bionik angelehnt ist, würde einerseits den »Organsimus« Unternehmen zum Vorbild nehmen und ihn unter spezifischer Betrachtung der einzelnen Komponenten unter die Lupe nehmen. Andererseits würde er einen Schritt vor dem »Organsimus« Unternehmen zurücktreten, um dessen Beziehungen zu seiner Umwelt aus der Distanz zu beobachten und zu analysieren.
Und nicht zuletzt wäre ein gewünschtes Gesamtbild des Unternehmensauftrittes als Ziel zu definieren, an welches die in einer solchen ganzheitlichen Betrachtung gewonnenen Erkenntnisse angepasst werden müssen und welches unerwünschte (und oftmals unbewusst ausgesendete) Anteile ausschliesst.

Auf diese Art und Weise eingesetzt, kann die Bionik als effektives Mittel dienen, ein Corporate Design aus einem komplexeren Blickwinkel heraus zu entwickeln. Die ihr innewohnende Methodik erschliesst einen reichhaltigen Pool an ungewöhnlicher Information und Assoziation - man kann sie sich auch als neuartiges Werkzeug vorstellen, um individuelle Formen und Strukturen zu einem optimalen und unverwechselbaren Erscheinungsbild zu entwickeln.
Schliesslich lehrt uns die Bionik, daß die Natur in Hülle und Fülle mit ihrer ästhetischen Erscheinung wirbt, und dabei erstaunlich ökonomisch und funktional im Nutzen ist.